Die Sterne lügen nicht

Seltene Ausstellung historischer Bücher zu Astronomie und Astrologie in Wolfenbüttel im Jahr 2009

Vor 400 Jahren blickte Galileo Galilei zum ersten Mal durch ein Fernrohr und entdeckte vier Monde des Jupiters. Auch Kepler veröffentlichte sein Grundlagenwerk „Astronomia Nova“ über die Gesetze der Planetenbewegung in jenem Jahr. Um an diese bahnbrechenden Erkenntnisse zu erinnern, ist das Jahr 2009 von der UNESCO zum internationalen Jahr der Astronomie erklärt worden. Aus diesem Anlass zeigte die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel bis zum 7. Juni 2009 die Ausstellung „Die Sterne lügen nicht“.


Abb. 1: Gliederung der Ausstellung nach Epochen

Es wurden Handschriften und Bücher aus vielen Jahrhunderten präsentiert, die alle zum Bestand der Bibliotheca Augusta gehören.
Es ist ein Unterschied, ob man über berühmte alte Werke liest oder ob man sie selbst direkt ansehen kann. Um sich einen Eindruck zu verschaffen, bot das Astrologie-Zentrum Hannover einen Ausflug für alle Interessierten an und fuhr am 6. März 2009 mit dem Zug nach Wolfenbüttel. Von Hannover aus erreicht man die kleine Stadt südlich von Braunschweig in gut einer Stunde mit Bahn oder Auto. Wir hatten eine Sonderführung durch Dr. Christian Heitzmann, der uns mit einem kenntnisreichen und kurzweiligen Vortrag die Ausstellung erläuterte. Zwei Stunden vergingen wie im Fluge angesichts der spannenden Geschichten und der vielen interessanten ausgestellten Bücher.

Für alle an der Geschichte der Astrologie Interessierten war diese Ausstellung ein Genuss.

Die Bibliothek selbst ist eine der großen deutschen Bibliotheken, entstanden im 17. Jahrhundert. Gegründet wurde sie von Herzog August, dem Jüngeren (1579 – 1666). Er war ein vielseitig interessierter Mann, der in seiner Tübinger Studienzeit ein Schüler von Michael Mästlin war. Auch Johannes Kepler gehörte zu den Schülern von Mästlin. Herzog August lernte bei Mästlin die Horoskopberechnung und errechnete sein eigenes Horoskop, das ebenfalls in der Ausstellung zu sehen war. Und passend zum Thema Wissen und Bildung hatte er einen Schütze-Aszendent und die Sonne auf 0° Stier, die das Sammeln begünstigt.

Der berühmte Dichter Lessing (1729 – 1781) wirkte hier ebenso als Bibliothekar wie vor ihm Johann Gottfried Leibniz (1646 – 1716). Die Bibliothek beherbergt Zehntausende von Büchern. Sie ist spezialisiert auf die Literatur des 18. Jahrhunderts. Darüber hinaus sind ganze Wände gefüllt mit astronomischer und astrologischer Literatur. Normalerweise bekommt man die einzelnen Bücher nicht zu sehen. Aber 2009 haben die Ausstellungsmacher ihre Regale durchforstet nach den schönsten und spektakulärsten Schriften und sie dem öffentlichen Blick zugänglich gemacht. In vielen Glasvitrinen wurden besonders beeindruckende Bilder oder Texte vorgestellt, die zugleich den Werdegang der Astronomie und Astrologie von der Antike bis in die frühe Neuzeit aufzeigen.

Aus der Antike fand sich z.B. Manilius’ Lehrgedicht „Astronomica“ in der Scaliger-Ausgabe von 1590. Dieser Joseph Justus Scaliger war ein Sohn von Julius Caesar Scaliger, der als Lehrer von Nostradamus in Agen wirkte.

Eine Handschrift aus dem 14. Jahrhundert enthielt lateinische Fassungen von Claudius Ptolemäus’ „Almagest“ und „Tetrabiblos“. Auch die „Mathesis“ des Firmicus Maternus gehört zum Bestand.

Die arabische Astrologie des Mittelalters wurde durch ein Werk von Albumasar (805 – 886) über die großen Konjunktionen repräsentiert. Es wurde 1488/89 in Augsburg gedruckt. Der Astronom Leopold von Österreich (13. Jahrhundert) verfasste eine Art Handbuch der arabischen astrologischen Werke. Es wurde 1489 in Augsburg gedruckt und enthält eine sehr hübsche Darstellung der Tierkreiszeichen.


Abb. 2: Tierkreiszeichen aus dem 13. Jahrhundert

Der Großteil der Schriften stammt aus dem Mittelalter und der Renaissancezeit, die ja bekanntlich eine Blütezeit der Astrologie war. Namen wie Regiomontanus, Kopernikus, Tolhopff, Pico della Mirandola, Johannes Lichtenberger, Petrarca, Lucas Gaurico, Johannes Stöffler, Cardanus, Tycho Brahe, Kepler sind vertreten. Neben vielen bekannten Werken finden sich hier auch unbekannte und rätselhafte Texte.

In einer Sammelhandschrift von ca. 1457 findet sich ein bislang unbekanntes Blockbuch mit Jahreskalender, Monatsbildern und einem Aderlassmännchen.
Dieses Blockbuch ist ein Beleg dafür, dass die Astrologie im 15. Jahrhundert nicht im Gegensatz zur Theologie stand, sondern gut mit ihr harmonierte.


Abb 3: Aderlassmännchen von 1457

Johannes Müller aus dem fränkischen Königsberg wurde bekannt unter seinem wahrscheinlich von Melanchthon latinisierten Namen Regiomontanus. Er war der bedeutendste Mathematiker und Astronom vor Kopernikus, lebte von 1436 – 1476 und erbaute unter anderem eine Sternwarte in Nürnberg. Für den Erzbischof von Gran in Ungarn erstellte er 1467 astronomische Tabellen über die Bewegung der Himmelskörper, die sich großer Beliebtheit erfreuten. In der Bibliothek von Wolfenbüttel befindet sich eine Tübinger Ausgabe von 1559. Ein von ihm entwickeltes Häusersystem wurde Jahrhunderte lang in der Astrologie benutzt.

Astrologie galt im 16. Jahrhundert als anerkannte Wissenschaft. Um die Zuverlässigkeit der Voraussagen zu prüfen und möglichst auch zu beweisen, wurden Sammlungen von Horoskopen angelegt. Zu den berühmtesten gehören die Sammlungen von Girolamo Cardano und von Luca Gaurico. Neben der wissenschaftlichen Seite wurde Astrologie in der Renaissance (wieder) zu einem Mittel politischer und religiöser Auseinandersetzungen. Die verschiedenen Horoskope, die über Luther kursierten, zeigen dies. Luca Gaurico publizierte ein Horoskop Luthers, das ihn als in der Hölle enden lässt. Allerdings legt er das falsche Geburtsjahr von 1484 zugrunde.

Johnnes Tolhopff (1454 – 1503), lebte eine Zeit lang als Astronom am Königshofe von Matthias Corvinus in Buda in Ungarn. Matthias Corvinus war bekannt als großer Liebhaber kostbarer Handschriften. Er baute eine der wertvollsten Bibliotheken der Renaissance auf, die leider nach der Eroberung Ungarns durch die Türken zerstört wurde. Wenige kostbare Werke konnten gerettet werden. Die Herzog August Bibliothek besitzt einige Handschriften, unter anderem das 1480 entstandene „Stellarium“ von Tolhopff, das allerdings nie gedruckt wurde. Es enthält u.a. eine in leuchtenden Farben und Gold ausgeführte Darstellung des Kosmos nach dem geozentrischen Weltbild. Im äußeren Ring sind Gruppen von Engel- und Heiligenköpfen zu sehen. Die Ausstellung warb mit dieser Darstellung, wie man auf dem Foto mit einigen aus unserer Reisegruppe sehen kann.


Abb. 4: Mitreisende vor dem Plakat der Herzog-August Bibliothek in Wolfenbüttel

Als Kuriosum war ein kosmisches Kartenspiel zu sehen, das der Leipziger Autor Johannes Prätorius (1630 – 1680) als Lehrkartenspiel herausgab und auf dem er astrologisch-astronomische Motive zeigte, u.a. die damals bekannten 11 Modelle der Welt.

Himmelsgloben und Atlanten schlossen den Rundgang ab. Der wohl berühmteste Himmelsatlas ist der des Astronomen und Mathematikers Andreas Cellarius (1596 – 1665). Die zweite Auflage von 1708, in Amsterdam gedruckt, gehört zum Bestand der Bibliothek. Erfreulicherweise ist dieser Atlas 2006 neu gedruckt und unter dem Titel „The finest Atlas of the Heavens“ wieder im Handel erhältlich.


Abb 5: Andreas Cellarius, Atlas von 1708. Das heliozentrische Planetensystem nach Kopernikus

Der Katalog mit dem Titel „Die Sterne lügen nicht. Astrologie und Astronomie im Mittelalter und in der frühen Neuzeit“ ist im Harrassowitz Verlag erschienen und hat 268 Seiten. Er kostet in der Bibliothek broschiert 20 Euro, im Buchhandel als Hardcover 40 Euro. Er ist sorgfältig und übersichtlich gegliedert und sehr lesenswert.

Annegret Becker-Baumann, 17.07.2010                 Photos von Ulrike Clever